Nachruf auf Jutta Birmele
Erinnerungen an Jutta
Jutta Birmele (1944 – 2026)
Nachruf von Tomas M. Mielke, Gabrielle Alioth und Helga Druxes
Ende der 1990er-Jahre kreuzten sich die Wege von Jutta Birmele und mir zum ersten Mal in
Berlin. Ein Projekt hatte sie an die Freie Universität Berlin geführt, die unser beider Alma
Mater ist. Jutta erzählte mir, wie sie die FU Berlin, anfangs im Jurastudium, nach ihrer
Schulzeit als Befreiung des Geistes und Verpflichtung zu kritischem Denken erlebt hatte –
eine Erfahrung, die ihr künftiges Leben als Wissenschaftlerin prägte.
Jutta Birmeles Projekt war in jenen Tagen einer der weltweit ersten computergestützten
Kurse für Deutsch als Fremdsprache; ich hatte damals einige Publikationen zum Thema
Deutsch als Fremdsprache in der beruflichen Bildung veröffentlicht. Es ist Sommer und wir
treffen uns in der Nähe der FU in einem eher studentischen Gartenrestaurant, um uns über
unsere benachbarten Forschungsthemen zu unterhalten. Die legere Umgebung, und
vielleicht die Tatsache, dass wir beide Berliner sind, schaffen eine kreative Atmosphäre, die
ich später als typisch für Projekte mit Jutta erleben durfte.
Vom ersten Augenblick an bin ich begeistert von Juttas Mischung aus modernem Denken
und faktenbasierter Analyse des Status quo, aus professioneller Entschlossenheit,
Studierenden das Lernen effizienter zu ermöglichen, und einem erfrischend realistischen
Blick für die finanziellen Erfordernisse zur Erreichung dieses Ziels. Für ihr Projekt wurden
Jutta Birmele von der Deutschen Forschungsgemeinschaft Fördergelder in beachtlicher Höhe
zugesagt.
Unser zwangloses Fachtreffen endete an jenem Abend für mich mit der unerwarteten
Einladung, eine Rolle in ihrem Projekt zu übernehmen: von Berlin aus mit regelmäßigen
Reisen an die California State University Long Beach zu Absprachen und Präsentationen der
Ergebnisse. Ich hatte eine didaktische Idee, mit der ich in Deutschland zuvor auf taube Ohren
gestoßen war, denn „so was haben wir noch nie gemacht“. Meinen vorsichtigen Hinweis auf
das bislang unerprobte Vorgehen beantwortete Jutta mit dem für sie typischen Interesse an
Innovation: „Na prima, dann wird es ja Zeit, das mal zu machen!“
Der Projektstart war herausfordernd zeitnah, auch das kennzeichnend für Juttas Tatkraft.
Die Teammitglieder des damaligen Projekts kannten sich nicht aus früheren
Zusammenhängen, und doch war die Zusammenarbeit vom ersten Tag an produktiv und
harmonisch – ein Beweis für Jutta Birmeles kraftvolle Eigenschaft, Akademisches, Fachliches
und Menschliches miteinander zu verbinden.
Diese Breite und Tiefe von Analyse und Aktion zog sich durch all ihre Vorhaben. Dabei
standen die Studierenden immer im Zentrum ihres Denkens und Handelns. Ein weiteres
Projekt, bei dem Studierende europäischer Sprachen mit einem Sommerkurs in Europa eine
Sprachniveaustufe abschließen konnten, um so Studienzeit in Kalifornien zu sparen,
entsprang ihrer wissenschaftlichen Grundhaltung: universitäre Innovation zum Wohl und
Weiterkommen der Studierenden. Ihr enormes wissenschaftliches und menschliches
Verständnis hat das Leben ungezählter Studierender zum Positiven gewendet, nicht nur in
Kalifornien oder Deutschland, sondern auch global von Qingdao über Tübingen bis London,
zuweilen mit großer Energie zum Überwinden bürokratischer Hürden. Für diese auch
interkulturelle Haltung wurde Jutta Birmele 1993 vom deutschen Bundespräsidenten
Richard von Weizsäcker mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt.
Nicht nur ihrer Familie und ihren Freunden, sondern auch ihren Kollegen und den
Studierenden fehlt Juttas analytischer und erfahrener Geist schon jetzt.
Tomas M. Mielke, im Oktober 2026
***
LAX, Herbst 1997. Jutta Birmele steht in der Ankunftshalle, kurzes blondes Haar, braun
gebrannt. Sie ist 53 Jahre alt, auf dem Höhepunkt ihrer akademischen Karriere und strahlt
vor Zuversicht. Ich bin eben gelandet, übernächtigt, fremd. In den kommenden Monaten
werde ich als Swiss Writer in Residence in Los Angeles leben, an zwei Universitäten
unterrichten. Das habe ich noch nie gemacht. Juttas Händedruck und ihr Lächeln fegen all
meine Zweifel weg.
Fünf Minuten später flitzen wir in ihrem offenen VW-Cabriolet über die Interstate Richtung
Norden. Einmal in Santa Monica, etwas langsamer, sehe ich die Wipfel der Palmen in den
Himmel über mir wachsen. Hat Jutta den Wagen tatsächlich aus Europa eingeführt, oder
täuscht mich meine Erinnerung? Hier, sagt sie einmal, ist alles möglich, alles machbar, das
liebte sie am Kalifornien der 1990er-Jahre, das hatte ihr im Deutschland ihrer Herkunft
gefehlt. Bevor sie mich in meinem Apartment-Hotel meinen Jetlag ausschlafen lässt,
überprüft sie die Qualität der Kopfkissen. Nein, auf diesen Schaustoffdingern könne man
nicht schlafen. Am nächsten Tag bringt sie mir ein Federkissen.
In den folgenden Wochen spreche ich mit Juttas Studentinnen und Studenten an der
California State University Long Beach über zeitgenössische deutsche Literatur. Sie sitzt in
meinen Seminaren wie ein guter Geist, unterstützt mich in kritischen Momenten, lässt mich
niemals spüren, dass ich Anfängerin bin. Ich merke bald, dass die Studierenden sie verehren,
weil Jutta auch sie als gleichwertig behandelt, sie ernst nimmt, fördert, ihr Wissen vermittelt,
ohne zu predigen. Und sie kümmert sich – weit über die Unterrichtsstunden hinaus – um die
Leute, die bei ihr studieren, kennt ihren Hintergrund, ihre nicht immer einfachen familiären
und finanziellen Verhältnisse. Auch darum endet das Seminar meist mit einer Mahlzeit,
Pizzas erscheinen, Flaschen werden geöffnet, oder man trifft sich in irgendeinem Restaurant
in der Nähe und diskutiert dort weiter. Ihr Enthusiasmus und ihr profundes Interesse an
Menschen machen Jutta Birmele zu einer begnadeten Lehrerin, mehr noch zu einer
Mentorin, und sie verstand es, das Beste aus den Menschen um sie herum herauszulocken.
Schon bald lädt sie mich auch zu sich nach Hause ein. Früher, erzählt sie etwas wehmütig,
habe sie mit ihrer Familie in einem Strandhaus gewohnt, und die Ungebundenheit des
morgendlichen Erwachens am Meeresufer schwingt darin mit. Nun lebt sie in einer ruhigen
Seitenstraße in einem Gebäude, das – wenigstens in meiner Erinnerung – eine
Miniaturversion des Weißen Hauses in Washington ist. Dort lerne ich ihre Kinder, Sonja und
Paul, kennen und vor allem Richard, ihren Mann: „Larger than life“, ein großer Mann, der für
mich Schweizerin fast exemplarisch all das verkörpert, was Amerika Gutes zu bieten hat.
Man spürt die Tiefe ihrer Beziehung, wenn Jutta über Richard spricht, und die Verbindung
zwischen den beiden hat das Schicksalhafte einer großen Liebe.
Ihr „Weißes Haus“ ist stets voller Leute, Freunde, Bekannte, Nachbarn, Studentinnen und
Studenten, Kolleginnen und Kollegen, und es wird immer gekocht, europäisch, asiatisch. Und
da sind Tiere. Manche haben die Kinder nach Hause gebracht, andere haben selbst den Weg
hierher gefunden. Hunde vor allem, aber auch Fische, Nager, eine Schlange, so denke ich, die
in einem Terrarium döst, oder mehrere? Vor allem aber Loco (hieß er so?), der rosarote
Kakadu. Er marschiert über den Tisch, nippt an unseren Cocktailgläsern, sitzt auf meinem
Knie und lässt sich den Hals kraulen. Auch er liebt Jutta, bis sie ihn wegen irgendeiner
Kleinigkeit zum Tierarzt bringen muss. Er verzeiht es ihr nicht, wendet sich von ihr ab, Jutta
ist bestürzt.
Ich lerne viel in diesen Monaten von Jutta Birmele: wie man ein Seminar leitet, wie man über
Literatur spricht, wie man mit Menschen umgeht und wie man lebt – Dinge, die mich bis
heute begleiten. Kurz vor Weihnachten verlasse ich Los Angeles, meine Freundschaft mit
Jutta jedoch überdauert Zeit und Distanz. Wir schreiben einander, sehen uns wieder, wenn
ich in Kalifornien bin, manchmal für eine Lesung, einen Workshop, immer privat für ein
Essen, einen gemeinsamen Ausflug. Sie zeigt mir, was neu ist in der Gegend, was sie für sich
entdeckt hat, lässt mich teilhaben. Wir reden über unsere Arbeit, über Politik – ihre Sorgen
um die politischen Entwicklungen in den USA sind virulent – über unseren Alltag, und wir
reden über Hunde, oft. Für uns beide gehören Hunde zum Leben, sie fragt nach meinen
Neufundländern, dann Leonbergern, erzählt von ihrer Riesenschnauzerin, später ihrem
Rauhaardackel. Mit der ihr eigenen Dezidiertheit organisiert sie ihren Alltag mit und um ihre
Hunde, berichtet begeistert von ihren Eigenheiten und Fortschritten.
Nach Richards Tod und dem Abschluss ihrer beruflichen Laufbahn zieht Jutta nach Portland,
Oregon, um näher bei ihren Kindern und Enkelkindern zu sein und auch weil das politische
Klima dort Jutta inzwischen mehr entspricht. Sie ist nun Mitglied in unserem PEN-Zentrum,
arbeitet lange Jahre auch im Vorstand mit, bleibt eine Stimme der Vernunft in kritischen
Phasen. In den letzten Jahren, denke ich, hat ihre Gesundheit ihr zu schaffen gemacht, selbst
wenn sie in ihren Mails wenig darüber verlauten lässt. Dass sie keinen Hund mehr haben
kann, macht mich traurig, und in der Nacht, bevor ich von ihrem Tod erfahre, träume ich von
Jutta.
Im Oktober 2020, während der Corona-Pandemie, schrieb Jutta in einer Mail: „Im Moment
haben wir ja unglaublich schwierige Zeiten, die darauf hinweisen, dass wir Menschen noch
längst nicht fähig sind, global zu denken und zu handeln.“ Jutta Birmele hatte diese
Fähigkeit, sie hat im Öffentlichen wie auch im Privaten global gedacht und gehandelt. Sie
war vieles für viele und für viele von uns wichtig. Wir werden sie vermissen, aber nicht
vergessen, und ich bin sehr dankbar, dass sie Teil meines Lebens war.
Gabrielle Alioth, im Oktober 2026
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Jutta beeindruckte durch ihre direkte und fröhliche Art, auf Fremde zuzugehen. Die Vielfalt der
Welt und ihrer Menschen begeisterte sie. Dazu hate sie einen ausgeprägten Sinn für Humor,
man konnte gut mit ihr herumalbern. Sie bemerkte einmal, das Allerschönste an ihrer Ehe sei
gewesen, dass Richard und sie jeden Tag etwas zum Lachen gefunden häten. Sie und Richard
setzten sich in den siebziger Jahren aktiv für vietnamesische Geflüchtete ein, sie teilten ihr
großes Haus in L.A. mit einer ganzen Familie.
Viele Reisen führten sie und ihre Kinder nach Afrika, nach Vietnam und in andere Länder. Jutta
war jahrelang Vorstandsmitglied in unserem PEN-Zentrum, bis sie aus Krankheitsgründen
zurücktrat. Auch dann war sie noch lebhaft interessiert an Literatur, las viele Neuerscheinungen
und diskutierte sie gerne bei unseren wöchentlichen Anrufen. Jutta war bis ins hohe Alter geistig
jung und spontan. Ihre Freunde besuchten sie gerne in Portland, wo sie häufig ehemalige
Kollegen und Kolleginnen zu Besuch hatte, aber auch einen Kreis von internationalen
Nachbarinnen aus ihrem Wohnhaus und in anderen Gegenden von Portland geschaffen hatte.
Der rege Austausch mit Jutta wird mir sehr fehlen.
Helga Druxes, Oktober 2026





