Texte von Irène Bourqui

bourquin_bioIrène Bourquin

1950 in Zürich geboren, hat an der Universität Zürich Geschichte und Germanistik studiert und 1976 mit dem Doktorat abgeschlossen. Von 1977 bis 1998 war sie als Kulturredaktorin der Winterthurer Regionalzeitung der «Landbote» zuständig für die tägliche Kulturseite und die kulturelle Wochenendbeilage. Neben verschiedenen kulturellen Projekten arbeitet sie heute als freie Journalistin (Literatur– und Filmkritik), für diverse Zeitungen.


Ausgewählte Gedichte von Irène Bourqui

Im Auge des Taifuns

Schreiben
heisst Schreien
für alle
die stumm sind
und ohne Macht

die Pflanzen
die Tiere
die Kinder
die Greise
die Kranken

für alle Verfolgten
für unser
besseres
Selbst

 


 

Insel

Taub
vom Echo
weltweiten Schreis
der Folter
Angst und Qual
durch blühende Gärten gehn

 


 

Himmelswale
violettgrau
im Dämmerlicht ziehen
nach Osten nach Osten
Baumgeästel
unter den Bäuchen
und diese Stadt –
Vineta

 


 

Nomadenschatten
schräg
Mann Kind Frau
zwischen den Zeiten
noch immer
wohin

 


 

Die Flut

Dem Meer entstiegen
einst die Ahnen
vermehrten sich
verheerend
uns ein
sie holt
die Flut
nun steigt

 


 

Da ziehen die Tiere
von Altamira
durch mein Fenster
Wisent Hirsch und Pferd
in flockigem Grau –
sie werfen
aus lichter Kuppel
die Speere
auf uns

 


 

© für alle Gedichte: Irène Bourquin.

Die Gedichte „Schreiben“, „Insel“, „Himmelswale“ und „Nomadenschatten“ sind dem Gedichtband «Im Auge des Taifuns», 1992 erschienen im pendo-Verlag, Zürich, entnommen.

Die Gedichte „Da ziehen die Tiere“ und „Die Flut“ sind dem Gedichtband „Das Meer im Dachstock“, 1995 erschienen im pendo-Verlag, Zürich, entnommen.

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Zürich

Ziehende Wirbel
durch Spiegelfassaden
rosa grau und rot
gleiten die Kajaks
in Fenstern
stochern die Paddel
I’m leaving
on a jet plain

rührt der Strassensänger
Sehnsüchte auf


Durch die Rabatten
streunt der Fuchs
einer von tausend
in dieser Stadt
nächtlich markiert er
sein Revier
frühmorgens
die Singvögel schweigen
noch bleiben
wir hier


Schimmernder Föhnkranz die Berge
in bläulichem Dunst
glänzende Seen
der Albis streckt seinen Rücken
kraftvoll ins Panorama
rostgoldgesprenkelt
fliesst der Wald die Hänge hinab


© Irène Bourquin
Das erste Gedicht „Ziehende Wirbel“ wurde erstmals im Fixpoetry Leseheft Nr. 8 „Frag das Gras“, Klingenberg 2009, veröffentlicht, „Durch die Rabatten“ erschien 2011 in der Anthologie „Brennpunkte: Lyrik aus der Schweiz“ im FIXPOETRY.Verlag.


 

Der Turmwächter

Eine Erzählung von Irène Bourquin.

Auch der Oberst werde wohl kommen, mit seinem Sohn, er habe es versprochen, habe sich gefreut über seine neue Tätigkeit hier, auf dem Turm, mit Blick auf die Dächer der Stadt. Er werde ihm seine Stadt zeigen, die Türme, die Klöster, die Hinterhöfe, Strassen und Gassen, mittelalterliche Tore, das alte Zeughaus aus der Vogelperspektive.

Er lebe seit dreissig Jahren hier, dies sei seine Stadt geworden, drüben in der Weststadt habe er ein Haus gekauft, viele lange Kajakfahrten auf der Aare, mit dem Sohn, mühsam aufwärts gepaddelt, aber in einem Rutsch hinab. Auch zum Schwimmen sei die Aare nicht schlecht, obwohl sie meist eher träge fliesse, was man von hier oben gut beobachten könne. Früher habe er in Zürich gearbeitet, zehn Jahre, für die Esso, auch schön, der See, viel auf dem Albis gewandert, aber im Aussendienst sei er mit seinem Berner Dialekt nicht brauchbar gewesen, darum die Versetzung.

Die letzten fünf Jahre habe er hier im Büro arbeiten müssen, habe sich eingesperrt gefühlt, eingeklemmt am Schreibtisch, er brauche Luft und Sonne, auch Regen störe ihn wenig. Nach zehn Jahren hätte er ja wieder nach Zürich gehen können, bessere Stellung, höherer Lohn. Inzwischen habe er aber das Haus gehabt, sich hier eingelebt, darum habe er Nein gesagt, gewusst, dass damit die Karriere futsch sei.

Aber im Büro sei es nicht auszuhalten gewesen, darum habe er nochmals um Versetzung in den Aussendienst gebeten, sonst gehe er lieber. Sie hätten tatsächlich Leute gesucht, nach Basel, aber auch dort wäre sein Dialekt der falsche gewesen. Also sei er gegangen. Einige Wochen später habe ihm der Personalchef gesagt, ein anständiger Kerl, er kenne ihn seit vielen Jahren, gut dass du gegangen bist, habe er gesagt, nämlich sonst hätte ich dich entlassen müssen, sie wollen nur noch Junge, und er sei ja schon über fünfzig gewesen.

Nun sitze er also hier oben, sie seien drei Arbeitslose, die im Auftrag der Stadt den Turm offenhalten müssten, seit Ostern. Zuerst hätten sie alles geputzt, auch die Turmwächterstube, obwohl sie nicht mehr benutzt werde. Nette Kollegen, abwechselnd stehe oder sitze er unten beim Billetverkauf oder hier oben, lieber oben, die Sonne, die Luft, der weite Blick über die Altstadt-Dächer, die Aare, die Neustadt, bis hinaus zur Industrie und zur Kehrichtverbrennung dort hinten. Den Touristen erkläre er die Stadt, habe allerlei gelesen, bei den Einheimischen sei es natürlich nicht nötig.

Jedenfalls besser als damals beim Militär, wo er die Zeit habe totschlagen müssen, weil das Esso-Lager, dem er als Esso-Mann zugeteilt worden sei, gar nicht mehr existiert habe, von der Esso aufgehoben, er habe das gemerkt und gemeldet, aber da sei die Einteilung schon endgültig gewesen. Er sei dann im Büro gesessen, habe Zeitungen gelesen, die Offiziere hätten ja so viele herumliegen lassen, alle habe er gelesen. Manchmal habe er einen anderen Soldaten gebeten, für ihn Listen schreiben zu dürfen, lesen kannst du auch nicht den ganzen Tag.

Wegen der Esso habe der Oberst einen so guten Eindruck von ihm gehabt, Sie waren mein bester Mann, Pfister, habe er gesagt, habe sich gefreut über das Wiedersehen. Nämlich er habe jeweils, weil es ja nichts zu tun gab, den Offizieren die Aschenbecher und Papierkörbe geleert, das habe sonst keiner getan. Darum wolle der Oberst auf den Turm kommen, mit seinem Sohn, dem werde er seine Stadt zeigen, den Fluss, das Land.

© Irène Bourquin

(Aus: „ch.eese – Eine Zeitreise durch die Schweiz – 30 Swiss Stories“,
Anthologie, still life publishing, Zürich 2000)


 

Irène Bourquin

Bassgesang

Als sie in raschem Schritt die Strasse hinaufging, zwischen zart ergrünenden Gärten, gelb, rosa und weiss blühenden Sträuchern, kam ihr von oben überraschend eine Klangwoge entgegen. Eine tiefe, dunkle Männerstimme sang in einer fremden Sprache. – Verwundert lauschend stieg sie weiter den Hang hinauf, bog nach rechts ab vor der letzten Villa auf der Seeseite, beim mächtigen Baum, in dessen Geäst vor Weihnachten 24 riesige, farbige Kugeln aufgehängt waren. – Der Gesang wurde lauter, es klang wie ein russischer Choral.

Da sah sie ihn: Hinter dem Parkgitter der Psychiatrischen Klinik, mit Blick auf den See, der sich stahlblau unter der Bise kräuselte, stand, den breiten Rücken ihr zugewandt, ein massiger, schwarzhaariger junger Mann und sang aus voller Brust. – Ein Mongole, dachte sie.

Bei der Klinik wurde gebaut; aussen am Drahtgitter, das den Zugang zur Baustelle im Park verwehrte, hing ein gelbes Schild mit rotem Signet: Schutzhelm tragen obligatorisch.

Der Gesang verstummte plötzlich. Der Sänger hatte die Passantin in seinem Rücken aus dem Augenwinkel bemerkt. «Sie haben eine schöne Stimme», sagte sie, um den Mann hinter dem Zaun zu ermutigen. – Als sie etwas weitergegangen war, fing er wieder an zu singen. Vielleicht auch ein Chinese, dachte sie, von einem der Minoritätenvölker, ein Uigure –

Jene jahrelang unschuldig in Guantánamo Einsitzenden fielen ihr ein, Gefangene, deren einziges Verbrechen es war, zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein. Hatte nicht die Schweiz einige Uiguren aufgenommen? Was ging vor im Kopf eines Menschen, nach Jahren brutaler Haft, befreit, in Sicherheit, aber ohne Hoffnung, die Heimat, die Familie wiederzusehen?

Die Klangwoge hinter ihr wurde allmählich leiser.

© Irène Bourquin 2012