Texte von Gabrielle Alioth

alioth_neuGabrielle Alioth
 1955 in Basel geboren. Studium der Wirtschaftswissenschaften und Kunstgeschichte an den Universitäten Basel und Salzburg. 1982/83 längere Aufenthalte in Straßburg. Ab 1979 wissenschaftliche Mitarbeiterin der Prognos AG, Basel. 1984 Übersiedlung nach Irland, als freie Übersetzerin und Journalistin für deutsche Zeitungen und Rundfunkstationen tätig. 1990 Publikation des Romans Der Narr und Ausstrahlung des gleichnamigen Hörspiels durch Radio DRS. 1991 Verleihung des Preises ‚Der erste Roman‘ durch das Literaturhaus Hamburg. Der siebte und jüngste Roman „Die Braut aus Byzanz“ erschien 2008.

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Schritte ins Offene

Eine Erzählung von Gabrielle Alioth

„Er ist weg“, durchzuckt es mich im ersten Moment. Doch als ich näher komme, entdecke ich das Geflecht seiner Zweige über den Dächern der Reihenhäuschen. Er hat seine Blätter verloren, natürlich, es ist Winter; nur in meiner Erinnerung ist er auf alle Zeiten in rotgoldene Herbstfarben gehüllt. Während ich langsam durch die sonntäglich verlassene Vorortsstrasse fahre, wandert mein Blick immer wieder zu dem Baum zurück. Er ist grösser, als ich erwartet habe, und seine letzten welken Blätter liegen auf dem Rasen des kleinen Vorgartens.

Die Veranstaltung an diesem Nachmittag, für die ich aus Irland in die Schweiz gereist bin, wurde abgesagt, und anstatt einer Schar Elfjährigen von dem Land zu erzählen, in dem ich seit zwanzig Jahren lebe, habe ich im Altersheim meine Mutter besucht, die nichts mehr erzählen kann. Eine Weile sind wir in ihrem Zimmer gesessen, in dem der Fernseher, ein Tischchen und ein Polsterstuhl stehen, die wir beim Verkauf ihres Hauses hierher gebracht haben. An den Wänden hängen Fotos: meine Mutter als kleines Kind zwischen ihren Geschwistern mit einem Kaninchen auf dem Arm, im Hochzeitskleid neben meinem Vater mit einem Strauss Lilien.

Im Spiegel über dem Waschbecken ein Abbild meiner Mutter vor 40 Jahren: mein eigenes Gesicht. Während ich von meiner Arbeit erzähle, ihren Enkelkindern, ihrem einzigen noch lebenden Bruder, ruht der Blick meiner Mutter teilnahmslos auf den geschlossenen Vorhängen. Als ich nach dem Plüschhund greife, den ich ihr vor ein paar Jahren geschenkt habe, zuckte ein Lächeln um ihren Mund.

Später schiebe ich sie im Rollstuhl der Rheinpromenade entlang. Das Fährischiffli, auf dem ich als Kind nach artig überstandenen Stadtbesuchen zur Belohnung fahren durfte, legt eben ab. Dort, auf der Mauer unterhalb des Münsters am gegenüberliegenden Ufer, wurde ich zum ersten Mal geküsst. Das Haus mit den blauen Simsen etwas weiter links hat der Familie meines Mannes gehört, und noch weiter links habe ich selbst einmal gewohnt. Dies ist die Geographie meiner Vergangenheit, das Land meiner Jugend, keine andere Stadt wird Basel je ersetzen können. Und über diese Brücke fuhr ich in der Nacht, in der wir die Schweiz verliessen; es war unvorstellbar damals, dass ich nicht mehr hier leben würde.

Als ich mich – wieder in ihrem Zimmer – von meiner Mutter verabschiede, versucht sie etwas zu sagen, vergeblich. Das einzige Wort, dass ihre Lippen noch formen können, ist: „Cheim“. Bringt mich das auf den Gedanken, zum Haus meiner Eltern zu fahren? Oder habe ich es schon lange vorgehabt, ohne es mir einzugestehen?

„Wenn sie nur den Baum nicht fällen“, hatte meine Schwester gesagt, als wir vor zwei Jahren das Haus verkaufen mussten, um die Kosten des Altersheims zu decken. Ich kann mich erinnern, als der Baum gepflanzt wurde, und ich kann mich an den Baum erinnern, der vor ihm hier wuchs: eine Weide, von der meine Mutter Ende Winter stets ein paar Zweige abschnitt und in eine Vase stellte, bis die pelzigen Weidenkätzchen sich öffneten und das Tischtuch mit gelbem Staub bedeckten.

Als die Weide zu gross wurde, machte mein Vater sich eines Samstags mit der Säge an ihr zu schaffen. Ich erinnere mich an die klaffende, rote Wunde in seinem Finger. Der bestellte Gärtner sägte den Stamm anderthalb Meter über dem Boden ab. Ich konnte hinaufklettern, zwischen den neuen Trieben sitzen, wie im Korb von Hatschi Bratischis Luftballon, und mich in fremde Bilderbuchländer tragen lassen.

Aus der Distanz der Jahre wird die Vergangenheit formbar. Das enge Reihenhaus zwischen Bahndamm und Müllgrube, in dem ich aufgewachsen bin, ist längst kein Grund mehr zur Scham sondern Bestandteil meiner Herkunftsfolklore, nicht unpassend für eine Schriftstellerin. Natürlich ist der Bahndamm heute mit Zäunen und Hecken saniert, die Brombeerwildnis, durch die wir als Kinder krochen, verschwunden, und dort wo einst die Ratten im Abfall nisteten, offeriert nun ein mehrfarbiges Freizeitzentrum Kinderkrippe und Altersturnen.

In dem kleinen Vorgarten des Reihenhäuschen steht ein Dreirad. Meine Mutter hätte darauf bestanden, es hinter dem Haus zu haben, von den Blicken der Passanten verborgen, und an den Fensterscheiben der Stube kleben selbstgemachte Weihnachtssterne. Ich überlege, ob ich das Auto parken und zu Fuss an dem Haus vorbeigehen soll. Was zieht mich an diesen Ort zurück? Die neuen Bewohner haben die Vorhänge entfernt und man sieht durch die Stube hindurch bis in den Garten. Heim steckt nicht grundlos in heimlich, etwas das anderen verborgen bleibt. Das Haus in seiner unverhohlenen Fröhlichkeit ist mir fremd.

Ich bin sicher, dass ich das Grab meines Vaters nicht finde, als ich etwas später vor dem Friedhof aus dem Auto steige. Doch dann gehe ich mit traumwandlerischer Gewissheit darauf zu. Der Stein ist kleiner, als ich ihn mir vorgestellt hatte, glatt, hat weder Kanten noch Ecken, an denen die Zeit sich festsetzen kann. Ich habe vergessen, dass wir über dem Namen meines Vaters ein Blatt einmeisseln liessen,­ in Erinnerung an den Baum.

In den Tannenzweigen auf dem Grab steht ein Totenlicht. Gehört das zum Auftrag der Friedhofsgärtnerei? Oder hat es jemand anderer hier aufgestellt, jemand, der meinen Vater kannte? Was weiss man vom Leben seiner Eltern? Zwei Damen in Nerzmänteln spazieren vorbei. Ich mache mich auf die Suche nach dem Brunnen mit den Goldfischen, die ich als Kind so liebte.

Heimat ist da, bevor wir sie kennen, bevor wir sie nennen können, gegeben wie Mutter und Vater. Für sie wird geweint, gekämpft und gestorben, aber erst wenn wir sie verlassen, zeigt sie ihr Wesen. Dann mag uns Heimweh befallen, diese Schwere des Gemütes, die zuerst bei Schweizer Söldnern in fremden Diensten diagnostiziert worden ist, oder ein Gefühl der Freiheit, weil wir den Schranken des Vertrauten entkommen sind. Denn dort, wo uns niemand kennt, können wir alles sein, wo wir keine Vergangenheit haben, lässt sich die Gegenwart erfinden. Dennoch sind es jene, die sich von der Heimat getrennt haben, die am meisten nach ihr fragen. Liegt sie im Vaterland oder in der Muttersprache? Ist sie der Ort der Geburt, oder jener, an dem wir unsere Toten begraben? Vom Mond aus betrachtet ist die Welt unsere Heimat, vom Fenster aus vielleicht der Baum im Garten.

Mehr als andere Nationen fühlen die Schweizer sich einer Ortschaft, einer Gemeinde verbunden, und erst wenn sie zu weit weg sind, um den Unterschied zwischen Kantonen zu erklären, werden sie zu Schweizern. Allein auch die Gemeinde, das Quartier muss sich, um zur Heimat zu werden, von der Nicht-Heimat unterscheiden lassen. Das Erste, was ich auf der Insel entdeckte, auf der ich heute daheim bin, war die Landschaft und die Gewissheit, diese lieben zu können. Es war einfach, denn sie war besonders, bezaubernd, unterschied sich von anderen. Sie liess sich abgrenzen, wie nur eine Insel es kann, und sie war unverwechselbar. Würden mich heute andere, tiefere Gefühle mit der Schweiz verbinden, wäre ich zum Beispiel im Anblick der Alpen – im Wissen um Einzigartigkeit – gross geworden und nicht zwischen gleichförmigen, grauen Hügeln, die überall sein könnten?

In den ersten Jahren in Irland habe ich in der Schweiz nur Schlechtes gesehen: Enge, Kleinlichkeit, Unzufriedenheit und Besserwisserei, und bis heute scheint mir Mani Matters Lied „Warum syt dir so truurig?“ die perfekte Beschreibung der schweizerischen Grundstimmung. Doch diese Traurigkeit ist auch Teil von mir. Im dritten oder vierten Jahr in Irland wurden wir von Freunden zu einem Kabarettabend in die nahe Provinzstadt eingeladen, eine schmuddelige Bühne im Hinterzimmer eines Pubs, auf der sonst der lokale Theaterverein probt. Eine deutsche Schauspielerin, die im Krieg nach England und dann nach Irland gekommen war, sang Brechtlieder. „Und das Schiff mit acht Segeln ….“ Gebannt sass ich auf meinem Sitz. Das waren meine Lieder, mit diesen Träumen war ich gross geworden. Es war vertraut, geliebt, etwas zu dem ich gerne stand, aber auch schrecklich, ein Fluch, der mir folgte, mich auf meine Herkunft reduzierte und auslöschte, was ich mir gewählt und geschaffen hatte. Selbst auf dieser Insel am Rand Europas war ich noch das kleine Mädchen aus dem Haus am Bahndamm.

Man wird nicht Irin, nur weil man zwanzig Jahre in Irland lebt, und man ist auch nicht mehr Schweizerin, wenn man mal zwanzig Jahre fort ist. Heute komme ich gerne in die Schweiz zurück, schätze ihre langsame aber auch moderate Wandlungsfähigkeit, ihr Bemühen und ihre Mühen. Natürlich fände ich es schwierig, die Farbe meiner Abfallsäcke wieder auf die der Nachbarn abstimmen zu müssen und mich an die unzähligen anderen Vorschriften zu halten, die den Schweizer Alltag regeln. Ich habe kein Verlangen in der Schweiz zu leben, aber in meinem Pass steht „Heimatort: Basel“ und daran wird sich nichts ändern. Den Ort selbst allerdings, an dem ich aufgewachsen bin, gibt es nicht mehr. Doch wer kann behaupten, er kenne seine Heimat, wo sich doch jeder Ort im Laufe der Zeit verändert. „Heimat“, meint ein Freund, „ist eine Utopie,­ ein Nicht-Ort, etwas im Kopf.“ Und vielleicht auch im Herzen.

„I was born under a wandering star …“ singt eine tiefe Männerstimme im Radio, als ich vom Friedhof abfahre. Der Brunnen mit den Goldfischen war leer. Von der Autobahnbrücke aus werfe ich einen letzten Blick auf den Rhein, das Münster, bevor ich in die Spur Richtung Zürich wechsle. „It´s time for me to go ….“ Ein Gefühl von Leichtigkeit steigt in mir auf: ich bin entkommen … Am nächsten Tag fliege ich nach Irland zurück. Da ist die feuchte Luft, schon als ich in Dublin aus dem Flughafengebäude trete, die grünen Felder neben der Autobahn, das Meer in der Ferne. Später gehe ich durch den Garten zum Bach hinunter. Die Wiesen sind matschig zu dieser Jahreszeit, das Wasser wölbt sich braun zwischen den Ufern, ein Krähe schreit in den blattlosen Ästen der Weide.

Im Frühling schneide ich ein paar ihrer Zweige ab und stelle sie in eine Vase. Ich glaube, jeder Mensch hat eine Landschaft, in die er gehört,­ das ist meine. Wir reisen in die Fremde, und indem wir sie entdecken, entdecken wir uns selbst. Aus fremden Spiegeln blickt das eigene Gesicht, und die Begegnung mit dem Anderen wird auch das Eigene verändern. Der, der zurückkehrt ist nie der gleiche, der ging. Denn jeder Ort hat seine Geschichte, und wenn wir lange genug bleiben, wird sie zu unserer eigenen. Unser Leben hängt an den Plätzen, an denen wir es leben, und etwas von unserem Leben bleibt hängen an ihnen.

Ich glaube nicht, dass man sich eine Heimat wählen kann, und so sehr ich mein irisches Tal auch liebe, so wird es doch nie das Haus am Bahndamm ersetzen. Denn Liebe und Vertrautheit mit einem Ort machen diesen höchstens zum Heim. Irland ist heim, der Ort, den ich gewählt habe, und der mich zu dem gemacht hat, was ich bin: Schriftstellerin zwischen zwei Ländern, zwei Sprachen, mit zwei Welten vertraut und zu keiner gehörig.

Denn auch wer die Heimat flüchtet, trägt etwas von ihr mit sich davon. Geliebt oder gehasst ist Heimat ein Stück von uns selbst, Vergangenheit, Gegenwart und auch Teil unserer Zukunft, Ort und Idee von Landschaft und Leben. Die Bäume, die wir über die Jahre an den Hängen unseres Tales pflanzten, haben Wurzeln geschlagen und sind uns über den Kopf gewachsen. Ich hoffe, sie weiter wachsen zu sehen. Aber ich bin auch froh, dass der Baum vor dem Haus am Bahndamm noch steht, dort wo meine eigenen Wurzeln sind.

© 2005 by Gabrielle Alioth

 


Die Verwandtschaft

Eine Erzählung von Gabrielle Alioth

 

Alexander steht unter der Garagentür, während ich in meinen Schränken nach dem Artikel suche. Ich erinnere mich an die zusammengehefteten Seiten mit den meerblauen Illustrationen. Es kann nicht mehr als ein paar Wochen her sein, seit ich sie in den Händen hatte. Ich blättere durch meine Ordner: da sind die Karten der phönizischen Handelswege, die Miniaturen der Karawanen auf der Seidenstrasse, die Zeichnungen der Schiffe, mit denen der Sohn Erichs des Roten nach Vinland gesegelt sein soll, die Ausgrabungsfunde von L´Anse aux Meadows. Ich finde die neue Übersetzung des Berichts des Heiligen Brendan, der zur Insel der Seeligen reiste, die arabischen Beschreibungen der Eroberung Granadas, der Artikel über die chinesische Expedition des Eunuchen Zheng He, der hundert Jahre vor Columbus den amerikanischen Kontinent entdeckte, die Biographie von John Cabot, der Ende des 15. Jahrhunderts auf der Suche nach der Westpassage verschwand ….

«Wenn du den Artikel nicht hat mehr hast –», in Alexanders Stimme schwingt Nachsicht.

«Ich bin sicher, dass ich ihn habe!»

Ein Foto fällt aus dem Schrank: meine Grossmutter zwischen ihrer Schwester und ihrem Bruder. Ich stecke das Bild zwischen die Ordner zurück. Vielleicht liegt der Artikel noch auf meinem Schreibtisch. Ich greife nach dem vordersten Stapel: Die neusten Interpretationen der Vorfälle im Bermuda-Dreieck, Kopien aus dem Malay Archipelago von Alfred Wallace, H.W. Longfellows Gedicht über die Vertreibung der Akadier. Da – einen Moment glaube ich, die Reportage gefunden zu haben, bis ich merke, dass es die Abhandlung über den Verbleib von Fletcher Christian, dem Anführer der Bounty-Meuterer, ist, die ich aus der gleichen Zeitschrift herausgerissen habe. Ich schiebe die Seiten unter das Libretto des Fliegenden Holländers. Alexander beobachtet mich.

«Ich bring ihn dir rüber, sobald ich ihn gefunden habe.»

Als Alexander gegangen ist, starre ich auf die Stapel. Ich habe keine Ahnung, wo ich noch suchen soll. Das Ticken der Uhr weckt mich aus meiner Betäubung. Ich muss packen. Auf dem Weg durch den dämmrigen Garten versuche ich mich zu erinnern, wann mein Flug am nächsten Morgen geht: um 7 Uhr über Luton oder um 8 Uhr 30 über Stansted? Seit es Billigflieger gibt, steige ich meist in London um anstatt einen der teuren Direktflüge zu nehmen. Es lohnt sich, wenn man so viel unterwegs ist wie ich, und es macht mir nichts aus, auf Flughäfen zu warten. Unter den Bäumen ist es schon dunkel. Oft erscheint mir das Warten auf den Flughäfen der beste Teil meiner Reise – nicht hier, nicht dort. Mit einem Café Latte in einem Pappbecher setze ich mich in eine der Wartereihen in der Abflughalle, lese, arbeite, beobachte die Reisenden. Vor den Scheiben starten die Flugzeuge. Manchmal stelle ich mir vor, ich würde im letzten Moment zum Transfer-Schalter gehen, meinen Boarding Pass zurückgeben und einen anderen Flug buchen. Eine herabhängende Brombeerranke kratzt über mein Gesicht. Niemand wüsste, wohin ich reisen würde … Ich betaste meine Wange; die Brombeerranke sollte abgeschnitten werden.

Alexander ist am Telefon, als ich ins Haus komme. Entschuldigend halte ich ihm meine leeren Hände hin, und er zuckt mit den Schultern, ohne seinen Satz zu unterbrechen. Der Koffer steht im Schlafzimmer. Es hat keinen Sinn, ihn wegzuräumen, für die paar Tage, die ich hier bin. Waschzeug, Wäsche, Nachthemd – nicht nötig, es wird wärmer sein dort als hier. Ich weiss nicht, warum Alexander die Reportage wollte. Schuhe und Strümpfe. Sie berichtet von einem australischen Meeresbiologen, der seit Jahrzehnten nach Riesenkraken sucht. Hosen und Jacken hängen in der linken Hälfte des Schranks. Ich habe Kleider, die ich nur auf Reisen trage: die Jeans, die ich in Zürich kaufe, die Schuhe aus Dresden, der pelzgefütterte Mantel aus Cleveland, die Kaschmirtücher von Bombay. Der Verfasser des Artikels hat an einer der nächtlichen Expeditionen des Biologen teilgenommen. Sie waren allein auf dem Boot. Es gab kein Geld für die Suche nach Riesenkraken, und der Forscher verwendete seine eigenen Mittel dafür. Nach ein paar Minuten ist der Koffer gepackt. Auch den Schmuck, den ich mitnehme, bewahre ich in einer getrennten Kassette auf. Die goldenen Ketten und Armreife, die Alexander mir über die Jahre geschenkt hat, lasse ich zu Hause. Als ich den Koffer zuklappe, klemme ich einen Zipfel meines Ärmels ein. Einen Augenblick glaube ich, ich müsse Alexander zu Hilfe rufen, doch dann kann ich mich alleine befreien. Der Artikel hatte einen Nachsatz gehabt, den die Redaktion kurz vor der Drucklegung eingefügt haben musste: der Meeresbiologe wurde seit seiner letzten Expedition vermisst.


Während ich den chinesischen Kohl rüste und das Curry aufwärme, versuche ich mir einen Riesenkraken vorzustellen, den Kopf mit den vorstehenden Augen, die mit Hunderten von Saugnäpfen besetzten Arme. In dem Artikel hiess es, es gebe nichts, was er damit nicht halten könnte. Alexander verbrennt sich die Finger an der Currypfanne, als er in die Küche kommt. Ich tupfe Salbe auf die weissen Flecken. Er besteht darauf, den Wein selbst zu entkorken und mir einzuschenken. Beim Essen streift mich der erste Hauch der Beklemmung. Ich kenne sie. Ich versuche an die kommenden Tage zu denken, die erleuchteten Säle, die Hotels, die lächelnden Veranstalter, mit denen ich seit Monaten korrespondiere. Morgen, wenn ich den Koffer aufgegeben, die Sicherheitskontrolle passiert habe, wird mich Leichtigkeit erfassen, wie jedes Mal, vielleicht schon wenn ich durch den Duty-Free gehe, ohne etwas zu kaufen, sicher aber wenn ich mit meinem Kaffee vor dem Gate sitze. Ich werde mich frei fühlen, übermütig wie eine Entkommene. Alexander erzählt von den notwendigen Reparaturen im Garten, dem Zaun, den der Bach in der letzten Überschwemmung niedergerissen hat, dem Tor, das aus den Angeln ist. Das schale Gefühl breitet sich in mir aus.

Ich gehe früher ins Bett als sonst. Koffer und Tasche sind gepackt, mein Schreibtisch in der Garage aufgeräumt, die Stapel ordentlich ausgerichtet. Die jüdischen Reisebeschreibungen aus dem Mittelalter, die ich momentan vor dem Einschlafen lese, habe ich bereits in die Tasche gesteckt. In der Dunkelheit erinnere ich mich, wie ich als Kind in den Nächten auf die vorbeifahrenden Züge gewartet habe. Das Haus meiner Eltern stand am Bahndamm, jede halbe Stunde fuhr ein Zug vorbei. Wenn einer ausfiel, erwachte ich. Später bin ich selbst in den Zügen gesessen. Mein Vater brachte mich auf den Bahnhof. Er mochte Bahnhöfe. Er war auf einem aufgewachsen, in einer Wohnung über den Bahnsteigen, die durch einen Bombenangriff gegen Ende des Krieges zerstört worden war. Er las die Schilder an den bereitstehenden Wagen, während wir auf meinen Zug warteten. Ich wusste, dass er mich beneidete. Sobald der Schaffner die Türen schloss, hob mein Vater die Hand. Dann ging er davon, ohne sich umzusehen. Seine Mutter war kurz nach dem Bombenangriff gestorben. Ich kenne sie nur von dem Foto mit ihren Geschwistern, das ich nach dem Tod meines Vaters in seinen Ordnern fand.

Als ich zum ersten Mal in der Nacht erwache, ist das beklemmende Gefühl überwältigend. Ich denke an die Fremdheit, die ich in den erleuchteten Sälen empfinden werde, die Einsamkeit in den weissen Hotelbetten, und wie die Veranstalter, nachdem sie sich von mir verabschiedet haben, in ihre vertrauten Stuben zurückkehren werden. Ich sehe die Gefahren, die mir drohen: das Flugzeug wird abstürzen, das Auto wird sich auf dem Weg zum Flughafen überschlagen, ich werde mir schlaftrunken, noch bevor ich das Haus verlassen habe, in der Dusche den Hals brechen. Mit jeder Faser meines Körpers spüre ich das bevorstehende Unglück. Es wäre fahrlässig, meine Ahnung nicht zu beachten. Ich habe schon andere Ereignisse vorausgesehen, Unfälle, Todesfälle, und einmal habe ich im Traum einen verlorenen Siegelring wieder gefunden.

Alexander dreht sich im Bett neben mir. Ich bin sicher, dass ich den Artikel, den er sucht, noch irgendwo habe. Am Tag, schrieb der Verfasser, bleiben die Kraken gewöhnlich in ihren Höhlen, deren Eingänge sie mit Steinen verschliessen. Nur die leeren Krabbenschalen davor deuten auf ihre Existenz.


Verzweiflung reisst mich aus dem Schlaf. Ich habe geträumt, ich fahre durch ein Parkhaus und könne den Ausgang nicht finden. Vor dem Fenster ist es dunkel, nur die Zweige des Eukalyptus heben sich gegen den sternenlosen Himmel ab. Eine Freundin hat mir den Baum vor vielen Jahren als winzigen Schössling aus Australien gebracht. Es bleiben bloss noch ein paar Stunden bis zum meiner Abreise.

Wenn ich zu Hause bliebe, könnte ich am Morgen dem Strand entlang spazieren und die Graugänse beobachten, die dort auf ihrem Zug zu ihren Brutplätzen im Norden Halt machen. Ich könnte ins Dort fahren und bei der Fischhändlerin Jakobsmuscheln fürs Abendessen kaufen, im Postamt von Mary die neuesten Geschichten aus dem Asylantenlager hören. Ich könnte die Stapel auf meinem Schreibtisch in der Garage in die Ordner abheften, nochmals nach dem Artikel für Alexander suchen. Der Krake gehört zu den klügsten Lebewesen der Welt. Er ist vollkommen taub, aber seine Augen sehen alles, und er kann die Farbe und Beschaffenheit seiner Haut verändern… Das herausgefallene Foto kommt mir in den Sinn. Der Bruder meiner Grossmutter war als junger Mann auf der Wanderschaft nach Bosnien gelangt und hatte dort in einem Trappistenkloster Arbeit gefunden. Dreissig Jahre später kehrte er, vom Krieg vertrieben, als Mönch nach Hause zurück. Ich erinnere mich an seine Nase, an der im Winter manchmal ein Tropfen hing, und an das leichte Stottern am Beginn seiner Sätze. Er sprach niemals von seinen Reisen.

Die Schwester meiner Grossmutter hat allein in einem Haus am Hang über der Stadt gewohnt. Es war von sonderbaren Düften erfüllt: Myrrhe, Vanille, Zimt und Koriander. Auf dem Klo hingen Postkarten aus aller Welt, und wenn ich artig war, durfte ich auf dem Dachstock die Truhen öffnen, in denen sie die Tücher, Teppiche und Pelze aufbewahrte, die sie in Basaren und Oasen gekauft hatte. In der Vitrine mit ihre Muschelsammlung lag auch das purpurne Herz mit George Washingtons goldenem Kopf darauf, das der Bruder meines Vaters, mein Onkel, bekommen hatte. Er war in seiner Schulzeit nach Amerika durchgebrannt. Jahrzehnte später meldete er sich wieder. Er war Helikopterpilot geworden und starb in Vietnam. Ich wusste, dass ich meine Grosstante nicht nach dem Orden fragen durfte.

Alexander beginnt zu schnarchen. Die Verbrennungen an seinen Fingern scheinen ihn nicht zu stören. In dem Artikel stand, dass Kraken ihre Beute anlockten, indem sie die Spitzen ihrer Arme wie Würmer im Sand bewegen. Einmal gefangen spritzen sie Gift und ein verdauendes Enzym in ihr Opfer. Wenn ein Krake einen seiner Arme verliert, wächst an der gleichen Stelle ein anderer nach.


Als ich das nächste Mal erwache, hat sich das Leintuch um meine Beine gewickelt. Ich sehe die drei Gesichter auf dem Foto vor mir. Es ist mir nie aufgefallen, wie sehr sie sich gleichen, das dunkle Haar, die breiten Wangenknochen, die Schatten unter den Augen. Draussen ist immer noch Nacht. Eine Weile lang versuche ich meine Beine zu befreien, dann bleibe ich liegen. Mein Vater hat nicht von seiner Familie gesprochen. Ich weiss, dass sie aus einem Bergtal stammten, in dem im Jahrhundert zuvor Zigeuner angesiedelt wurden. Alexander atmet regelmässig neben mir. Ein heller Punkt schiebt sich zwischen den Eukalyptusästen über den Himmel. Ich bin nie in Australien gewesen. Es wird ganz einfach sein: ich werde die Veranstalter anrufen, die Hotelzimmer abbestellen, der Flug wird verfallen … Auch das habe ich mir schon viele Male vorgestellt. Das Gehirn eines Kraken gleicht dem des Menschen, er lernt wie wir aus seinen Erfahrungen.

Alexander schläft noch, als ich am nächsten Morgen vom Meer zurückkomme. Nach dem Duschen betrachte ich mein Gesicht im Spiegel, die breiten Wangenknochen, die Schatten unter den Augen. Bevor ich in die Garage gehe, lege ich die Krabbenschale, die ich am Strand gefunden habe, auf den Küchentisch. Der Verfasser des Artikels hat keinen Hehl daraus gemacht, dass er die Berichte des Meeresbiologen nicht glaubte, der Riesenkrake war eine Erfindung. Zwischen den Bäumen im Garten ist es so dunkel wie am Abend zuvor. Die Sehnsucht des Forschers war wirklich genug, um ihn in den Tod zu treiben. Wie im Traum weiche ich der herabhängenden Brombeerranke aus.

© Gabrielle Alioth (erstmals erschienen in: „Unterwegs Zuhause Im Kopf“, drehpunkt 121, 2005)