Texte von Dogan Akhanli

doganakhanliDogan Akhanli
 Geboren 1957 in Şavşat, Provinz Artvin, Türkei, ist ein türkischstämmiger deutscher Schriftsteller. Er lebt seit 1992 in Köln.

Nach dem Militärputsch in der Türkei 1980 ging er in den Untergrund, 1985 bis 1987 saß er als politischer Häftling im Militärgefängnis von Istanbul. 1998/99 erschien in türkischer Sprache seine Trilogie Kay?p Denizler (Die verschwundenen Meere). Die ersten beiden Bände heißen Denizi Beklerken (Warten auf das Meer) und Gelincik Tarlas? (Das Mohnblumenfeld). Der letzte Band K?yamet Günü Yarg?çlar? (Die Richter des jüngsten Gerichts) thematisiert den Völkermord an den Armeniern. Die Trilogie bildet eine kritische Bestandsaufnahme der politischen Entwicklung der Türkei in den Jahren, die der Autor während seiner Jugend als Zeitzeuge und politisch Verfolgter erfahren hat.


Wir brauchen einen Erinnerungsaufstand

Dogan Akhanli, 24. April 2011, Frankfurt, Paulskirche

Eure Eminenz, Exzellenzen, meine Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde, Ich bin dankbar für die Einladung der Angehörigen der Überlebensgemeinschaften des Genozids, die mir erlauben, bei der heutigen zentralen Gedenkfeier eine Rede zu halten. Das ist für mich eine große Herausforderung, eine große Verantwortung und nicht zuletzt eine hohe Ehre, an diesem Tag hier sprechen zu dürfen.

Ich bin ausgebürgerter Türke. Ich sage das deshalb, weil mir schon unterschiedlichste Identitäten zugeschrieben wurden. Nachdem ich über Unrecht und Genozid öffentlich geredet hatte, vermutete man, ich sei Armenier. Nachdem ich begonnen hatte, in dem ehemaligen Kölner Gestapo-Hausgefängnis türkisch- und deutschsprachige Führungen anzubieten, und versucht hatte, zwischen zwei Völkermorden und anderen Gewalttaten Verbindungen und Unterschiede zu verdeutlichen, dachten viele, ich sei Jude. Man hat sogar in meinen Gesichtszügen armenische bzw. jüdische Elemente gesehen. Dann hieß es noch, ich sei Kurde, weil man in meinem türkischen Akzent etwas „Kurdisches“ gehört haben wollte.

Wenn ich eines Tages erfahren würde, dass ich Nachkomme einer vernichteten, vertriebenen, ermordeten Gruppe bin, würde dies mich nicht überraschen, weil man nie seiner Identität sicher sein kann, wenn man an einem Ort geboren wurde, an dem viele genozidale Ereignisse und Massaker passierten, und der „weise Genozid“ durch die gesellschaftliche Lüge, staatliche Repressionen und kulturelle Unterdrückungen und Vernichtungen fortgesetzt wird. Meine Muter war eine gläubige Muslimin. Mein Vater war ein laizistischer Dorflehrer. Meine Muttersprache, die mir während meiner letzten Haftzeit fast geraubt wurde, ist türkisch. Ich bin ein türkischer Schriftsteller und deutscher Bürger.

Ich wurde in der Familie in der Schule nach türkisch-laizistisch-muslimischen Einstellungen erzogen. Mein Geburtsort liegt an der georgischen Grenze. Dieses Gebiet gehörte bis 1918 zum russischen Territorium. Deshalb wurde dieses Gebiet mit den Nachbarstädten Ardahan und Kars während des Völkermordes an den Armeniern und Aramäern 1915-16 verschont. Nach Angaben des Genozidforschers Yves Ternon aus Frankreich lebten 21.000 Armenier in dieser Provinz. Wo sind sie jetzt? Warum existiert dort kein einziger Armenier mehr? Und wann hat dort das lokale Massaker stattgefunden, wie meine Eltern und meine Dorfbewohner immer wieder berichteten?

Eine Erinnerung, die mir lebendig geblieben ist, hat mit einem Ring zu tun. Der Ring wurde von meiner ältesten Tante im Wald gefunden. Meine Tante meinte, der Ring müsse eine Armenierin gehören. Ich habe mich damals gefragt: Was suchte diese Armenierin in diesem Wald, woher ist sie gekommen und wohin ist sie gegangen? Dieser Ort, wo meine Tante lebte, nannten Dorfbewohner immer noch „Hovannes“. Armenisch. Dass mein Buch, „Die Richter des jüngsten Gerichtes“, die Geschichte dieses Rings erzählte, ist also kein Zufall. Mittlerweile bin ich in der Lage die lokale Geschichte meiner Geburtsprovinz etwas besser rekonstruieren. Kein wissenschaftlicher Bericht vielleicht, aber belegbar.

Es gab eine historische Figur namens Deli Halit Pascha, also der verrückte Halit Pascha. Als Kind habe ich ihn als Nationalheld wahrgenommen. Ich erinnere mich an den lokalen Befreiungstag, der am 7. März des Jahres stattgefunden hat. Der Name des verrückten Halit Pascha tauchte jedes Mal auf. Es wurde erzählt, wie er unser Vaterland gegen Armenier und Russen heldenhaft verteidigt habe. Er soll ein mutiger, gerechter und sehr entschlossener Mensch gewesen sein und zwei Pistolen getragen haben. Eine Pistole nannte er „Ehre“ und er benutzte sie gegen die Feinde. Die andere nannte er „Ehrenlose“ und er benutzte sie gegen Deserteure. Meine Eltern hatten aus irgendeinem Grund andere Ansichten über diesen Mann. Sie meinten, er sei sehr brutal und so unmenschlich gewesen, weil er viele Armenier ermordet hatte.

Historische Dokumente belegen dies. Er war der Mitglied der Sonderorganisation, “Te?kilat-? Mahsusa“. Während des Genozides 1915-16 hatte er mit einer bekannten Persönlichkeit, Yakup Cemil, hinter der russischen Front viele militärische Aktionen organisiert. (Akçam 2004, und Hofmann 1989).

„Nach dem Zusammenbruch des zaristischen Russland“, schrieb der Prof. Boris Barht, „stieß die türkische Armee im Sommer 1918 in den Kaukasus vor. Diese Truppen, unterstützt von fanatisierten Aserbeidschanern, begannen sofort die armenische Zivilbevölkerung abzuschlachten.“

„Der Angriff war im Deutschen Reich bekannt. Doch kam der deutsche Generalstab Mitte August 1918 zu dem Schluss, dass es wegen der schwierigen Kriegslage keine Alternative gäbe, als die Türken gewähren zu lassen.“ Im Hintergrund der türkischen Kaukasusfeldzuges stand die Vision, ein pan-turanisches Großreich zu schaffen und der Versuch, die Armenier im Kaukasus auszurotten. 1918 wurden im Kaukasus 400.000 Armenier ermordet. Die Massaker setzten sich nach dem Ende des Ersten Weltkrieges fort.

„1920 drangen die Armeen von Mustafa Kemal Atatürk in die kurzlebige unabhängige armenische Republik ein. Sie brannten zahlreiche armenische Dörfer und Städte nieder und ermordeten etwa 60.000 Armenier, die meisten von ihnen Flüchtlinge. Kurz vor Jerewan wurden sie von der Roten Armee gestoppt, und dies verhinderte die fast sichere Ausrottung des armenischen Volkes.“ (Barth 2006)

Mustafa Kemal Atatürk war ein Fortsetzer des Genozids. Und die türkische Geschichtsschreibung, die erklärt, dass die Republik durch den antiimperialistischen Befreiungskrieg gegründet worden sei, ist ein Mythos. Eine Lüge. Es gab keinen Befreiungskrieg gegen die Imperialisten. Es gab keinen nationalen Widerstand gegen die Engländer, die Istanbul besetzt hatten. Es gab z.B. keinen nationalen Widerstand gegen die Italiener, die angeblich den Süden der Türkei besetzt hatten. Belegbar ist, dass es eine Vernichtungsabsicht gegen die Armenier gab.

Dadrian und Akcam meinen, dass die Vernichtungspläne der Jungtürken vom März 1915 stammen. Die Genozidforschung hat den Ablauf des Genozids 1915-16 dokumentiert. Wir wissen heute davon aus deutschen, österreichischen, amerikanischen, russischen, französischen, englischen und anderen Archiven. Allerdings ist der Schriftverkehr der Täter untereinander in den osmanischen Archiven in der Türkei nicht zugänglich, außerdem haben die Haupttäter, u.a. Enver, Talaat und Cemal, nach der Niederlage des Ersten Weltkriegs viele Dokumente vernichtet.

Der Genozid an den Armeniern führte zum ersten Völkermordprozess 1919 in Konstantinopel. Das war eine Art Nürnberger Prozess vor dem Nürnberger Prozess. Und damals gab es kein Wort, keinen Begriff, wie man dieses Verbrechen gegen die Armenier beschreiben kann.

Am 15. Juli 1919 wurden Talaat, Enver, Cemal und Dr. Nazim in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Insgesamt wurden 17 Todesurteile bei den Kriegsgerichten ausgesprochen, von denen drei vollstreckt wurden. Ironie der Geschichte ist, dass die Täter, die durch deutsche Hilfe ins Ausland bzw. nach Berlin geschafft wurden, später von armenischen Attentätern erschossen wurden. Am 6. Dezember 1921 wurde der ehemalige Großwesir Said Halim in Rom, am 21. Juli 1922 Cemal Pascha in Tbliesse liquidiert. Im April 1922 wurden der Chef der türkischen Sondereinheiten „Teschkilat-? Mahsusa”, Dr. Bahaddin ?akir, und der Polizeipräsident und „Henker von Trabzon”, Cemal Azmi, am selben Tag und zur selben Uhrzeit auf der Uhlandstrasse in Berlin erschossen. Ihre Gräber liegen immer noch auf dem türkischen Friedhof in Neukölln, links des Eingangs der Neuköllner Moschee. Der ehemalige Großwesir und Innenminister Talaat Pascha, der maßgeblich für die Vernichtung der Armenier verantwortlich gewesen war, wurde ebenfalls am 15. März 1921 von Soromon Tehlerjan (in den Gerichtsakten: Solomon Teilirian) auf der Hardenbergstrasse in Berlin getötet. Die Mordfälle gegen die Haupttäter des Völkermordes wird von einigen Wissenschaftlern, u.a. Dr. Tessa Hofmann, Tätermord genannt.

Das Wort „Genozid“ tauchte erstmal 1944 in einem Buch des Juristen Raphael Lemkin auf. Am 18. Oktober 1945 tauchte der Begriff „genocide“ zum ersten Mal in einem offiziellen Dokument, der Anklageschrift des Nürnberger Internationalen Militärtribunals, auf. (Boris Barth 2006 und Yves Ternon 1996.)

Wenn wir heutzutage den Begriff „Genozid“ aussprechen, zitieren wir immer wieder Raphael Lemkin. Vor allem auf seinem Einsatz beruht die „Konvention zur Verhütung und Bestrafung des Völkermordes“, die 1948 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet wurde.

Lemkins Interesse am Thema Völkermord entstand schon Anfang 1920. Ihn beschäftigten die Istanbuler Prozesse 1919 und der Prozess um den Tod von Talaat Pascha am 2. und 3. Juni 1921 in Berlin-Charlottenburg.

„Der Prozeß zu Talaat Pascha 1921 in Berlin ist sehr aufschlussreich“, schrieb Lemkin. „Ein Mann (Soghomon Tehlirian), dessen Mutter bei dem Völkermord getötet worden war, tötet Talaat Pascha. … Also beging er ein Verbrechen. Sehen Sie, als Rechtsanwalt dachte ich, dass ein Verbrechen nicht durch die Opfer bestraft werden sollte, sondern durch ein Gericht, durch nationales Recht.“ (Zit. n. Harut Sassounian 2005).

Lemkin schrieb später über seine Beschäftigung mit den Kriegstribunalen in den Konstantinopeler Prozessen während seiner Studienjahre: „Die Leiden armenischer Männer, Frauen und Kinder, die in den Euphrat geworfen oder auf dem Weg nach Der Zor massakriert wurden, haben den Weg für die Annahme der UN-Genozidkonvention vorbereitet.“ (Zit. n. Kieser 2006). Es ist unglaublich, beschämend und entsetzlich: Das Land, das den ersten großen Völkermord des 20. Jahrhunderts verursacht hat, der zur Begriffsbildung „Genozid“ führte, verleugnet bis heute seinen „Genozid“.

Seit Lemkin ist es keine Frage mehr in der Genozidforschung der Welt, ob man das Verbrechen gegen Armenier und Aramäer Genozid nennen kann. Raphael Lemkin hat dem Verbrechen einen Name gegeben und die Forschung hat das Verbrechen gegen Armenier und Aramäer, neben der Vernichtung der Juden, Roma und Sinti in Europa und der Vernichtung der Tutsi in Ruanda als „totalen”, „endgültigen“ und „absoluten“ Völkermord eingestuft. Deshalb ist es verkehrt, wenn wir, wie gewöhnlich, immer wieder von der „Armenischen Frage“ reden. Nach meiner Ansicht gibt es keine „Armenische Frage“. Die sogenannte „Armenische Frage“ des vorigen Jahrhunderts wurde durch die Vernichtung beantwortet. In der Gegenwart bleibt nur die türkische Frage: die türkische Lüge über den Völkermord, die türkische Diffamierung der Diaspora, die türkische Arroganz und Respektlosigkeit gegenüber den Opfern und Nachkommen.

Wir gedenken der Opfer des Genozids heute zum 96. Mal. Nicht an irgendeinem Ort, sondern hier in Deutschland, wo die Nazis 20 Jahre später die Welt angegriffen und während des Weltkriegs einen weiteren „ultimativen“ Völkermord begonnen haben.

Zwei Länder und zwei Verbrechen, mit denen ich zu tun habe. Eines ist mein Herkunftsland, das andere ist mein Fluchtland und Lebensort.

Beide Länder stehen seit Jahrhunderten in guten Beziehungen. Helmuth Graf von Moltke, der von 1836 bis 1839 Instrukteur der osmanischen Truppen war, beteiligte er sich daran, kurdische Aufstände niederzuschlagen. Als die Jungtürken ihr Nationalstaatsprojekt (eine Nation, eine Sprache, ein Land) praktizierten, indem sie die christlichen Minderheiten vernichteten und vertrieben, war Deutschland verbündet mit der Türkei. 1938, als die Nazis am 9./10. November mit der Pogromnacht das jüdische Leben in Deutschland zu vernichten begannen, massakrierte die türkische Armee Aleviten und Kurden in der Provinz Dersim, deren Bewohner sich während des Völkermords mit den Deportierten solidarisiert hatten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Genozid nicht einfach. In den Nürnberger Prozessen gegen die Hauptkriegsverbrecher spielte der Völkermord an den Juden keine große Rolle. Die Urteile haben einen Umfang von 256 Seiten: Die Vernichtung der Juden wurde nur auf drei Seiten thematisiert. Juden galten nicht als Hauptopfer des Nationalsozialismus. Von der Vernichtung der Roma und Sinti in Europa war im Tribunal sowieso keine Rede. Es ist vielleicht ein Fakt, dass die Alliierten Deutschland unter Druck gesetzt haben. Aber nach meiner Ansicht hat sich Deutschland nicht durch die Nürnberger Prozesse geändert, sondern durch gesellschaftliche Auseinendersetzungen und durch seine Aufarbeitung.

1958 hatte sich Aktion Sühnezeichen in Berlin gegründet, als Reaktion auf die mangelnde Bereitschaft der deutschen Bevölkerung, in den Nachkriegsjahren Verantwortung für die NS-Verbrechen zu übernehmen. Die Anerkennung der Schuld für die nationalsozialistischen Verbrechen steht am Anfang des Gründungsaufrufs von Aktion Sühnezeichen. Er wurde 1958 bei der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland von ASF-Gründer Lothar Kreyssig verlesen: „Wir Deutschen“, heißt es darin, „haben den Zweiten Weltkrieg begonnen und damit mehr als andere unmessbares Leiden der Menschheit verschuldet. Deutsche haben in frevlerischem Aufstand gegen Gott Millionen Juden umgebracht. Wer von uns Überlebenden das nicht gewollt hat, hat nicht genug getan, es zu verhindern.“

In der Überzeugung, dass der erste Schritt zur Versöhnung von der Seite der Täter und ihrer Nachkommen zu gehen sei, baten die Sühnezeichen-Gründer „die Völker, die von uns Gewalt erlitten haben, dass sie uns erlauben, mit unseren Händen und mit unseren Mitteln in ihrem Land etwas Gutes zu tun“ – zeichenhaft, als Bitte um Vergebung und Frieden. Seitdem bietet ASF Freiwilligendienst in 13 Ländern an. Jährlich gehen 180 Freiwillige mit ASF nach Europa, Israel und die USA, um dort NS-Opfern und sozial benachteiligten Menschen zu helfen. Die ASF-Freiwilligen unterstützten bereits behinderte und krebskranke Kinder und Jugendliche, begleiteten Überlebende der Schoa oder arbeiteten in Projekten der offenen Arbeit mit älteren Menschen.

Als ich als Flüchtling mit meiner Familie in Köln gelandet bin, hatte ich darüber keine Ahnung. Nicht nur über die Geschichte der Nazi-Vergangenheit und über die Geschichte der Aufarbeitung in Deutschland, sondern über die Dimension der Gewalt der Jungtürken. Ich hatte bis dahin kein einziges Buch gelesen, in dem keine Lüge stand. Ich kam nach Köln mit eigener Gewalterfahrung. Während der Militärzeit wurden fast eine halbe Million Menschen festgenommen, fast alle misshandelt und gefoltert, davon fünfzig hingerichtet. Viele kamen durch außergerichtliche Hinrichtungen ums Leben.

Obwohl wir, diejenigen, die Folter und Gefängnisse überlebt hatten, wussten, was wir erlebt hatten, wurde dies offiziell mit folgenden Argumenten verleugnet: Die Türkei unterzeichnete das Internationale Abkommen gegen Folter und das türkische Gesetz verbietet die Folter. Wir waren aber am Leben, konnten nicht vergessen, was uns angetan wurde.

1992 wurde das Buch von Yves Ternon, „Tabu Armenien“, vom Belge-Verlag veröffentlicht, dessen Verlegerin Ayse Nur Zarakolu mit dem Internationalen Preis für die Freiheit des Verlegens auf der Frankfurter Buchmesse geehrt wurde. Ein Jahr später veröffentlichte Taner Akcam, der damals in Deutschland lebte, ein Buch mit dem Titel „Türk Ulusal Kimli?i ve Ermeni Sorunu“ (Die Türkische nationale Identität und die Armenische Frage) und später „Armenien und der Völkermord: Die Istanbuler Prozesse und die türkische Nationalbewegung“ (Hamburger Edition, 1996). Er war einer der ersten türkischen Akademiker, der den armenischen Genozid durch die Osmanen 1915 öffentlich ansprach. Nach meinem Wissen entstand zum ersten Mal Mitte der 90er Jahre eine kleine Initiative in Frankfurt, die sich später „Völkermordgegner-Verein“ nannte. Sie war Vorreiter des türkisch- kurdischen Widerstands gegen das türkisch-kurdische Schweigen und gegen die türkische Verleumdung.

Ich hatte damals das Gefühl, dass es zwischen unserer gegenwärtigen Gewalterfahrung und der historischen Gewalt und dem Genozid gewisse Verbindungen aber auch Unterschiede gibt.

Im Laufe der Zeit habe ich die historischen Wahrheiten in meinem Herkunftsland erkannt. Aber ich habe immer noch keine Antwort gefunden, wie ich mit dieser Geschichte umgehen soll. Um den Umgang mit Genozid zu verstehen, habe ich begonnen, mich mit der deutschen Geschichte und seiner Aufarbeitung zu beschäftigen. Ich habe mehrere Gedenkstätten besucht. Zum Beispiel Sachenhausen, wo auf besonderen Wunsch von zwei höheren Beauftragten der türkischen Sicherheitskräfte im Januar/Februar 1943 eine Besichtigung auf das Besuchprogramm gesetzt wurde (Guttstadt 2008). Rifat N. Bali meinte, die türkischen Beauftragten wären nach Deutschland gekommen, um die sterbliche Überreste Talaat Paschas in die Türkei zu überführen. Tatsächlich wurden am 25. Februar 1943 seine sterblichen Überreste durch das Hitlerregime unter militärischen Ehrenbezeugungen von Berlin nach Istanbul überführt, und dort beim Abide-i Hürriyet, dem Denkmal der jungtürkischen Revolution von 1908, als Märtyrer neben Enver Pascha beigesetzt.

Ich habe weitere Gedenkstätten besucht. Ravensbrück zum Beispiel, wo unter anderem zwölf türkische Jüdinnen mit drei Kindern unter acht Jahren aus Berlin am 26. Oktober 1943 eingeliefert wurden. (Guttstadt 2008) Die Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz, wo fünfzehn Spitzenbeamte der Ministerialbürokratie und der SS über die organisatorische Durchführung der „Endlösung“ gesprochen haben. Die Gedenkstätten Majdanek, Sobibor und nicht zuletzt Auschwitz, aus dem ich als retraumatisierter Mensch zurückkehrte. Mir half nicht, dass ich kein Deutscher war, dass ich nicht einmal geboren war, als die Nazis ein Teil der Menschheit ausgelöscht hatten. Dort, in Auschwitz-Birkenau, habe ich meine bisherigen Identitäten verloren. Ich war dort nicht mehr Türke, Linker, Flüchtling oder Folteropfer. Ich habe mir dort mir eine Frage gestellt: Wie lebe ich weiter mit dem Wissen über Auschwitz und über Der- Es Sor, das größte Konzentrationslager für die deportierten Armenier in der Wüste?

Ich habe erfahren, dass während der Shoah über 3.000 türkische Bürger in Europa ums Leben kamen. (Guttstadt 2008) Ein bekannter Überlebender ist Isaak Behar. Seine Familie war 1915 aus Istanbul nach Berlin gekommen, weil „sie sich vor den Feindseligkeiten fürchtete, denen im Osmanischen Reich lebende Minderheiten – Griechen, Armenier und Juden – zunehmend ausgesetzt waren“.( Behar 2002) Ich habe erfahren, dass am 4. Januar 1933 Adolf Hitler und Franz von Papen Gespräche über eine gemeinsame Regierungsbildung in einer Kölner Villa führten (Stadtwaldgürtel 35). Franz von Papen war im Ersten Weltkrieg von 1915 bis 1918 als Stabschef der 4. Türkischen Armee in Palästina und ab April 1939 Botschafter in Ankara. Es ist historisch nicht belegt, welche Rolle er spielte, als die Jungtürken die Armenier vernichteten. Es ist aber bewiesen, dass die türkischen Streitkräfte im Ersten Weltkrieg weitgehend unter deutschem Oberbefehl standen. Zum Beispiel unter General Otto Liman von Sanders, der bei dem „Prozess Talaat Pascha“ als Sachverständiger auftrat, (Hofmann 1980) oder unter Fritz Bronsart von Schellendorf, der nach dem Ende des Ersten Weltkriegs seine Einschätzung eines Vorgangs übermittelte, den er selbst erlebt hatte: „Der Armenier ist wie der Jude, außerhalb seiner Heimat ein Parasit, der die Gesundheit des anderen Landes, in dem er sich niedergelassen hat, aufsaugt. Daher kommt auch der Hass, der sich in mittelalterlicher Weise gegen sie als unerwünschtes Volk entladen hatte und zu ihrer Ermordung führte.“ (Gust 1993)

An einem Gedenktag so eine Meinung zu zitieren, tut mir weh. Das ist aber ein Beispiel, das ich erwähnen musste, weil es mit unserer Gegenwart viel zu tun hat. Es ist die Position der türkischen Politik in Bezug auf die Genozidleugnung. Die offizielle Türkei versucht unaufhörlich aus Opfern Täter zu machen, sie wollen gerne vom Täter zum Opfer sich verwandeln. Trotz der ernsthaften Aufarbeitung tauchen hier in Deutschland Menschen auf – ich meine nicht die Neonazis, Neofaschisten und Rechtsradikale -, die ähnliche Ansichten verbreiten und dadurch versuchen, die deutsche Erinnerungslandschaft kaputt zu schlagen. Trotz seiner Vergangenheit, trotz der Geschichtsrevisionisten hat sich Deutschland durch die Aufarbeitung seiner Geschichte geändert, wie es sich Walter Benjamin einmal vorgestellt hatte. Deshalb wurde Deutschland, global, eines der sichersten Länder für Einwanderer und Minderheiten im Vergleich zu anderen europäischen Ländern.

Deshalb empört es mich, wenn die türkische Community in Deutschland die Massaker an den Armeniern aus dem Lehrplan haben möchte, weil dies die schulischen Leistungen der türkischstämmigen Schüler beeinflusse, und es „gefährde den inneren Frieden“ (FAZ, 7.08.2009)

Wir stützen also durch Geschichtsfälschungen „unsere“ türkischstämmigen Schüler. Was machen wir aber mit „unseren“ deutsch-, kurdisch-, armenisch-, arabisch-, russisch-, persisch-, polnisch-, serbisch-, italienisch-, griechisch- oder bosnischstämmigen Schülern? Als ich mit einigen Freundinnen und Freunden vor 12 Jahren in Köln zum Thema Genozid und Gedenken an den Armeniern eine Veranstaltungsreihe organisiert habe, war Hrant Dink am Leben. Und seine Wochenzeitung AGOS ist 4 Jahre alt gewesen.

Obwohl wir damals aus unseren eigenen Erfahrungen wussten, dass das Land, aus dem viele von uns stammen, fähig ist, aus seinen Kindern Mörder zu machen, konnten wir uns nicht vorstellen, dass wir Jahre später am selben Ort zum Gedenken an Hrant Dink eine dauerhafte Veranstaltungsreihe organisieren würden.

Das konnten wir uns damals nicht vorstellen.

„Auf Tauben schießt man nicht!“ hat Hrant Dink in seiner letzten Kolumne geschrieben. Doch wurde auf ihn geschossen.

Obwohl er selber genau wusste, dass in dem Land, in dem er geboren wurde, abertausende Tauben schon erschossen worden waren, kann ich ihn sehr gut verstehen, warum und wieso er dies glauben wollte. Er war Istanbuler. Istanbul war seine Heimat und er hatte recht, dort zu leben. Am 19. Januar 2007 haben die hinterhältigen Mörder nicht nur sein Recht geraubt, sondern auch seinen Dialogversuch und seine Versöhnungsarbeit radikal beendet. Ich bin Hrant Dink zwei Mal begegnet. Das erste Mal in der armenischen Gemeinde in Köln 2004. Das letzte Mal bin ich ihm an einem besonderen Ort und zu einer besonderen Zeit begegnet. 24. April 2005. Gegen 11 Uhr, Vormittag. Auf dem Platz des Völkermordmahnmals, auf dem Jerewanerhügel in Armenien.

Ich erinnere mich ganz genau, wie er neben Taner Akcam langsam zu Fuß zu dem ewigen Feuer in der Mitte des Mahnmals für die Genozidopfer gegangen war. Ich erinnere mich, wie er mit Taner Akcam zusammen die Blumen zum Gedenken an die Opfer niedergelegt hat. Ich erinnere mich, wie er versucht hat, Taner Akcam und seine türkischen Freunde zu trösten, obwohl er selber seine Tränen nicht zurückhalten konnte. Ich kann es niemals vergessen. Ich will es auch nicht vergessen.

Wenn die Angehörigen der Überlebenden des Völkermordes fast 100 Jahre später immer noch weinen müssen, gibt es in dem Land, wo viele von uns geboren worden sind und in dem Hrant Dink bis zum seinem letzten Tag gelebt hat, ein Problem, das wir nicht mehr ignorieren, nicht mehr verschweigen dürfen.

Die Ermordung von Hrant Dink wurde mit dem Slogan „1.500.000+1”als Fortsetzung des Genozids wahrgenommen. Mit Recht. Ich bin auch der Meinung, der Mord Hrants war ein „Ein-Mensch-Völkermord“.

Die türkische These: „Überlassen wir unsere Geschichte den Historikern“, ist absurd. Wenn die Geschichte tötet, dürfen wir nicht die Geschichte den Historikern überlassen.

Nach der Ermordung Hrant Dinks protestierten tausende Menschen am Abend des 19. Januar bei spontanen Kundgebungen in Istanbul und Ankara. Hunderttausende Menschen begleiteten den acht Kilometer langen Trauerzug mit dem Sarg Hrant Dinks. Das war eine Art des Massenaufstandes gegen das Unrecht. Das war ein Wendepunk in der türkischen Lügengeschichte. Die Genozidleugnung funktionierte danach nicht mehr richtig – sie hatte sich einfach erschöpft. Der türkische Staat kann die zivilgesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema „Genozid an den Armeniern“ in der Türkei und im Ausland nicht mehr stoppen.

Die Bewegung zur Erinnerung hat schon in der Türkei begonnen. Heute finden in der Türkei an vielen Orten in Gedenkveranstaltungen statt.

Wir brauchen vor 2015 einen Erinnerungsaufstand.

Wir müssen alles tun, dass die Türkei vor 2015 den Genozid an den Armeniern und Aramäern anerkennt. Das ist eine politische und ethische Aufgabe für diejenigen, die sich als Angehörige der Tätergesellschaft identifizieren.

Wir brauchen vor 2015 einen Erinnerungsaufstand.

Wir brauchen vor 2015 eine türkische „Aktion Sühnezeichen Friedensdienste”, damit wir mit unseren Händen (kendi ellerimizle), mit unseren Mitteln (kendi kaynaklar?m?zla) für die Ehre der Opfer und Nachkommen etwas Gutes tun (kurbanlar?n onuru ve hayatta kalan torunlar? icin); ein Dorf, eine Siedlung, eine Kirche, ein Krankenhaus oder was sie sonst Gemeinnütziges wollen, als Versöhnungszeichen zu errichten (bir köy, bir okul, bir hastane, bir kilise ya da kamu yarar?na herhangi bir gönüllü i? yapabilmemize izin vermelerini rica ederiz).

Wir bitten die Armenier, den Dienst – wie viele sich immer dazu bereit finden möchten – nicht als eine irgendwie beträchtliche Hilfe oder Wiedergutmachung, aber als Bitte um Vergebung und Frieden anzunehmen und zu helfen, dass der Dienst zustande kommt. (Ermenilerden, bu çabalar?m?z? abartmamalar?n?, suçlar?m?z?n tazmini olarak alg?lamamalar?n? rica ediyoruz. Yapmak istedi?imiz sadece hizmetimizi kabul ederek bar?? ve ba???lanma arzumuza yard?mc? olunmas? ricas?d?r.)

Für die Gerechtigkeit und für die Ehre der Opfer des Völkermordes brauchen wir vor 2015 unbedingt einen Erinnerungsaufstand.

Danke, dass Sie mir erlaubt haben, am Gedenken für die Opfer des Völkermordes teilnehmen zu dürfen.

Literatur:

Akçam, Taner: Armenien und der Völkermord. Die Istanbuler Prozesse und die türkische Nationalbewegung. Hamburg 1996.

Akçam, Taner, ?nsan Haklar? ve Ermeni Sorunu, ?mge Kitabevi Yay., Istanbul, 1999, 2002)

Akçam, Taner, Türk Ulusal Kimli?i ve Ermeni Sorunu, ?Ieti?im Yay., Istanbul 1993)

Gust Wolfgang, Völkermord an den Armeniern. Die Tragödie des ältesten Christenvolkes der Welt. Carl Hanser Verlag, München 1993

Guttstadt Corry: Die Türkei, die Juden und der Holocaust. Assoziation A, Berlin 2008

Heinsohn, Gunnar: Ein Moses gegen den Völkermord. William Schabbas schreibt den Kommentar zur Anti-Genozid-Konvention der Uno. In: Die Welt, 24. April 2004.

Heinsohn, Gunnar: Lexikon der Völkermorde, Reinbek 1998.

Hofmann, Tessa (Hg.): Der Völkermord an den Armeniern vor Gericht. Der Prozeß Talat Pascha. Im Auftrag der Gesellschaft für bedrohte Völker. Mit einer Einleitung von Tessa Hofmann Tessa, einem Vorwort von Armin T. Wegner. Göttingen 1980.

Hofmann Tessa, Armenian Review Winter 1989

Kieser, Hans-Lucas; Schaller, Dominik J.: Völkermord im historischen Raum. In: dies. (Hg.): Der Völkermord an den Armeniern und die Shoah. The Armenian Genocide and the Shoah. Zürich 2002, S. 11-80.

Kieser, Hans-Lukas: Die armenische Tragödie. In: Weltwoche, Ausgabe 42/2006.

Lemkin, Raphael: Genocide as a Crime under International Law. In: American Journal of International Law, Nr. 1/1947, S. 145-151.

Lemkin, Raphael: Axis Rule in Occupied Europe: Laws of Occupation, Analysis of Government, Proposals for Redress. Washington D.C. 1944.

Ternon, Ermeni Tabusu, Belge Yay?nlar?, Istanbul 1992

Sassounian, Harut: Lemkin Discusses Armenian Genocide In Newly-Found 1949 CBS Interview. In: The California Courier Dec. 8, 2005.


Dogan Akhanli

Ein Besuch bei Ragip Zarakolu, der in Haft ist

Ich war am 6. Februar 2012 auf einem Besuch im Hochsicherheitsgefängnis in Kocaeli, in der Nähe von Istanbul. Durch meine Anwältin, die auch Zarakolu vertritt, stellte ich einen Antrag für eine Besuchserlaubnis beim Justizministerium in Ankara. In Istanbul erfuhr ich, dass mein Antrag genehmigt wurde.

Ragip Zarakolu ist nicht nur der Verleger, der vor 14 Jahren gewagt hat, meine Trilogie „Die verschwundenen Meere“, dessen letzter Band den Genozid an den Armeniern thematisierte, zu veröffentlichen, sondern auch ein kompromissloser Menschenrechtler. Er war der Erste, der seine Stimme gegen meine Festnahme am 10. August 2010 in Istanbul erhob.

Der Titel, mit dem seine Kolumne in der Tageszeitung veröffentlicht wurde, war „Freiheit für Dogan Akhanli und Suzan Zengin“. Suzan Zengin, eine seiner Übersetzerinnen, die im Gefängnis das Buch von Tessa Hofmann (Hrsg.), „Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung der Christen im Osmanischen Reich 1912-1922, übersetzte, verstarb nach ihrer Freilassung im Oktober 2011, als Ragip Zarakolu hier in Frankfurt auf der Buchmesse war.

Er kehrte sofort zurück und wurde am 28. Oktober aufgrund des Anti-Terrorismus-Gesetzes festgenommen. Der Vorwurf lautete: “Mitgliedschaft in einer bewaffneten Terrorgruppe, KCK (Union der Gemeinschaften Kurdistans)“ Sein Sohn, Deniz wurde schon am 4. Oktober 2011 aus demselben Grund verhaftet und ins Metris-Gefängnis gesperrt, in dem auch seine verstorbene Mutter, Ayse Zarakolu, die Mitgründerin des Belge-Verlags, vor 30 Jahren saß. Ich erfuhr von der Anwältin, Deniz sei in das Gefängnis verlegt worden, wo sein Vater sitzt, und zwar in den selben Raum.

Das Hochsicherheitsgefängnis, das ich besuchen will, ist von Istanbul ca. zwei Autostunden entfernt. Ich fahre vormittags mit der Anwältin Sennur Baybuga von Istanbul ab. Um alle Hindernisse zu vermeiden, will sie bei der Staatsanwaltschaft vorbeigehen, um nochmal eine Bewilligung für den Besuch zu bekommen, obwohl wir bereits eine schriftliche Bewilligung in der Hand haben.

Das Justizgebäude von Kocaeli ist riesengroß. Ein Beamter verlangt von uns die Bewilligung, die wir vom Justizministerium bekommen haben. Wir sollen ihm folgen. Eine halbe Stunde später findet er immer noch keine zuständige Person, die uns weiterhelfen könnte. Plötzlich tauchen wie aus dem Nichts zwei Männer in Zivil auf, die mir komisch vorkommen. Sie wirken aufdringlich, einer der beiden kommt uns bedrohlich nahe. Ich frage ihn, was er will. Er sagt nichts. Ich gehe weiter und höre wir sie miteinander reden. Der eine fragt den anderen, „Ist das der Mann?“. Sennur Baybuga reagiert daraufhin lauthals und teilt ihnen mit, sie wisse, wer sie seien!

Die Männer sagen nichts, währenddessen informiert uns der ermüdete Beamte, der immer noch unsere Bewilligung in der Hand hat, wir sollten zum Gefängnis fahren und wenn es ein Problem gäbe, sollten wir ihn anrufen.

Ohne weitere Probleme besuche ich dann Ragip Zarakolu. Zwischen uns befinden sich zwei dicke Fensterscheiben und Gitter. Der Besucherraum ist ziemlich dunkel. Das Gespräch verläuft durch den Telefonapparat. Mir fällt auf, dass ich mich zum ersten Mal im Leben auf der anderen Seite des Besucherraums befinde.

Er ist fröhlich. Er sagte, er habe nie so viel Zeit mit seinem Sohn zusammen verbracht wie jetzt. Es gäbe noch einen weiteren Mithäftling, ein kurdischer Akademiker. Beide lernten von ihm kurdisch.

Warum er verhaftet wurde, will ich von ihm wissen. Er glaubt, seine Verhaftung habe nicht direkt mit dem Vorwurf zu tun. Er meint, seine Festnahme sei nicht auf Initiative des Staatsanwalts bzw. durch den Richter zustande gekommen, sondern, daß der Befehl von Ankara gekommen sei. Was er mit Ankara meine, will ich wissen. Er sagt, es sei irgendeine Machtclique, die gegen die Verhandlungen mit Kurden sei. Durch seine Verhaftung wolle man signalisieren, daß jegliche Solidarisierung mit dem Kurden und auch Erinnerungsarbeit als gefährlich einzustufen und zu stoppen sei.

Zwei Tage vor meiner Abreise berichtet die türkische Presse, einige Sonderstaatsanwälte in Istanbul hätten im Streit um die Rolle des türkischen Geheimdienstes MIT bei den Verhandlungen mit der kurdischen Rebellengruppe PKK die Festnahme von vier Geheimdienstlern angeordnet. Dies habe eine politische Krise ausgelöst. Wie die Presse meldet, lehnt die Regierung die Vernehmungen ab. Es sollen innerhalb der kurdischen Bewegung hunderte Geheimagenten tätig und durch die Festnahmewelle im Knast gelandet sein, obwohl sie ihre wahre Identität bei der Vernehmung offengelegt hätten. Sie sollen nun als Komplizen der kurdischen Bewegung angeklagt werden, so die Presse.

Ich habe wirklich Glück gehabt, denke ich, als ich wieder in Köln lande.