Tomi Ungerer

UngererTomi Ungerer (eigentlich Jean-Thomas Ungerer), geb. am 28. November 1931 in Straßburg als vierter und jüngster Sohn des Uhrmachers Théodore Ungerer und der oberrheinischen Industriellentochter Alice, geb. Essler, ist als Grafiker und als Autor und Illustrator von Bilderbüchern für Kinder und Erwachsene bekannt. Sein Vater, der sich auch als Künstler und Historiker betätigte, starb an den Folgen einer Blutvergiftung, als Tomi vier Jahre alt war. Später sollte Ungerer einige Bilderbücher ausdrücklich vierjährigen Kindern widmen. Nach dem Tod des Vaters zog die Mutter mit Tomi und seinen drei Geschwistern zurück zu ihrem Elternhaus nach Logelbach bei Colmar. Dort wuchs er in einer behüteten und warmherzigen Atmosphäre auf.

Seine Schuljahre dagegen waren von Krieg und Besatzung geprägt. Für weitere Drangsal und Konfusion sorgt ein zweimaliger Wechsel der Unterrichtssprache: von Französisch in die deutsche Sprache durch autoritäre, nationalsozialistische Lehrer und wieder zurück. Das führt unvermeidlich zu Schwierigkeiten mit dem Französischen, so daß er das Baccalauréat knapp verfehlte. Nach dem frühen Verlust seines Vaters verlor er auch noch eine sichere Lebensperspektive. Dennoch konnte er unter den Deutschen so gut Englisch lernen, daß er nach dem Krieg als Dolmetscher für französische Offiziere arbeiten konnte. Ruhelose Lehr- und Wanderjahre führten quer durch Europa, aber auch zu einer Stippvisite bei einem Kamelkorps der französischen Armee in Algerien.

Ungerer probiert viel aus und bricht es schnell auch wieder ab. Er scheint nicht viel Glück im Leben zu haben, und so hätte es wohl ziellos weitergehen können. Kaum etwas deutet auf seine spätere Meisterschaft in der Zeichenkunst hin. Doch da ist zum einen der Respekt vor dem Bildungsgut des Bildungsbürgertums, die Liebe zu den Büchern und besonders zur Malerei. Vor allem zeigt er starke Energie und Willenskraft, sich ständig mit Neuem auseinanderzusetzen und Grenzen zu überwinden. So kommt es zur intensiven Auseinandersetzung mit der amerikanischen Kultur in Straßburg. Im amerikanischen Kulturzentrum entdeckt er die Werke des Cartoonisten Saul Steinberg und des Zeichners James Thurber. Bald steht sein Entschluß fest: Auch er will sein Glück in der Neuen Welt versuchen.

1956 wandert Ungerer mit sechzig Dollar und einigen Zeichnungen in der Tasche nach Amerika aus, wo er in New York als Zeichner, Maler, Illustrator, Kinderbuchautor und Werbegrafiker arbeitet. Bereits 1957 gewinnt er seinen ersten Preis für ein illustriertes Kinderbuch, The Mellops Go Flying, einer Geschichte mit kleinen Schweinchen. Programmatisch für sein Lebenswerk vereinen sich in den Figuren der kleinen Schweinchen kindliche Unschuld und in rein symbolischer Hinsicht das Laster. Zugleich gelingt ihm ein Bestseller. Im selben Jahr kann er Kontakt mit seinem späteren Hausverlag, dem Zürcher Diogenes Verlag, knüpfen. Mitte der 1960er Jahre schockiert Ungerer mit den Cartoonbänden Geheimes Skizzenbuch und The Party, in denen er auf drastisch-satirische Weise die New Yorker Schickeria aufs Korn nimmt. Ungerers Kreativität kennt nun auch keine Genre-Grenzen mehr, und er wendet alle Zeichentechniken an.

1969 erscheint Fornicon, das später in England verboten wird. Doch die Karikaturen stellen nicht Ungerer, sondern stets nur Potenzwahn, Sexismus und Gier bloß. Drastik und Radikalität bleiben immer Mittel eines Moralisten. Die Ironie seiner visualisierten sexuellen Praktiken basiert auf dem Prinzip der Übertreibung einer noch nie gesehenen Technisierung und Mechanisierung sexueller Wünsche.

Daneben verfertigt er Film-Plakate u. a. für die Star-Regisseure Stanley Kubrick und Otto Preminger. In seiner New Yorker Zeit teilt er sich mit dem Schriftsteller Philip Roth ein Ferienhaus auf Long Island. Zu seinen weiteren literarischen Freunden zählen Saul Bellow und Tom Wolfe. Später wird er rückblickend resümieren, zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein. Wegen der Hysterie in der McCarthy-Ära suchen viele kritische Kreative Zuflucht im damals noch weltoffenen New York. Dieses Klima einer radikalen künstlerischen Freiheit nimmt gegen Ende der 1960er Jahre mit dem Aufkommen harter Drogen ein allmähliches Ende.

Trotz einer liberalen Aufbruchsstimmung in den USA stoßen seine satirischen und erotomanischen Zeichnungen dort auf immer mehr Kritik. Ungerer wird von der FBI beobachtet, und auch seine Kinderbücher werden verboten. 1971 verläßt er New York nach vierzehn Jahren intensiver Arbeit und sucht nun ländliche Ruhe und Inspiration auf einer Farm im kanadischen Neuschottland.

Nach jahrelanger Arbeit am Großen Liederbuch (1975) treibt ihn das Heimweh wieder zurück nach Europa. Seit 1976 lebt er mit der Familie – seiner zweiten Frau, der US-Amerikanerin Yvonne Wright, und den Kindern Aria, Lukas und Pascal – abwechselnd auf einer 160 ha großen Farm nahe der Stadt Cork im Südwesten Irlands und in Straßburg. Ungerer selbst sieht sich als Elsässer, nicht als Franzose oder Deutscher, er ist überzeugter Europäer.

In den letzten vierzig Jahren hat Ungerer rund 40.000 Zeichnungen zu Papier gebracht und über 140 Bücher veröffentlicht. Ab 1979 waren seine Werke in etwa hundert Ausstellungen zu sehen. 1990 gründete Ungerer in Straßburg die “Vereinigung Kulturbank”, ab 1987 arbeitete in der “Commission Interministérielle Franco-allemande”, und seit 2000 betätigt er sich als “Botschafter für Kindheit und Erziehung” des Europarats. Im Herbst 2007 wird in Straßburg das Centre Tomi Ungerer eröffnet. Die Museumssammlung gründet auf einer Schenkung des Künstlers mit einem Teil seines grafischen Lebenswerks (7.000 Zeichnungen, 2.000 Plakate und Grafiken usw.) sowie einer umfassenden Spielzeugsammlung, dem Familienarchiv, Presseartikeln und Fotografien.

(Text: Wikipedia)

Auszeichnungen:

1983 Jacob-Burckhardt-Preis der Johann-Wolfgang-Goethe-Stiftung in Basel
1993 Bundesverdienstkreuz
1995 Großer Nationalpreis für Grafik
1998 Hans-Christian-Andersen-Preis
2001 Ernennung zum Offizier der französischen Ehrenlegion
2003 Erich Kästner Preis für Literatur
2004 Ehrendoktorwürde der Universität Karlsruhe